Riechsalz & Riechampullen im Eishockey – Mythos, Ritual oder echter Leistungs-Boost?
Wenn man einmal eine Eishockeykabine kurz vor Spielbeginn erlebt hat, kennt man den Moment: Spieler sitzen konzentriert, Schläger werden abgeklopft — und plötzlich geht eine kleine Ampulle herum. Ein kurzes „Knack“, ein scharfes Einatmen… und die Augen sind weit offen.
Willkommen in der Welt von Riechsalz (Smelling Salts).
Im modernen Profi-Hockey – von der National Hockey League bis zur Deutsche Eishockey Liga – gehört dieses Ritual fast schon zur Kabinenkultur.
Was steckt in Riechampullen?
Die meisten Ampullen enthalten Ammoniumcarbonat.
Beim Öffnen entsteht Ammoniakgas — ein extrem stechender Geruch.
Was im Körper passiert:
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Die Nasenschleimhaut wird stark gereizt
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Der Atemreflex wird schlagartig aktiviert
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Herzfrequenz und Aufmerksamkeit steigen sofort
Der Effekt dauert nur wenige Sekunden — aber genau das ist der Punkt:
Ein kurzer neurologischer „Weckruf“.
Warum nutzen Eishockeyspieler das?
Eishockey ist ein Sport mit maximaler Explosivität. Ein Shift dauert oft nur 30–60 Sekunden. In dieser Zeit müssen Spieler:
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sofort reagieren
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harte Checks einstecken
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komplexe Entscheidungen treffen
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extreme Geschwindigkeit halten
Viele Spieler berichten, dass Riechsalz ihnen hilft, in den „Game Mode“ zu wechseln.
👉 Wichtig:
Es steigert nicht direkt Muskelkraft oder Ausdauer — sondern Aufmerksamkeit und Wachheit.
Funktioniert es wirklich?
Wissenschaftlich gesehen:
Kurzfristig ja — langfristig nein.
Studien zeigen:
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Reaktionszeit kann minimal verbessert werden
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subjektive Wachheit steigt deutlich
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Kraftleistung bleibt unverändert
Das bedeutet:
Riechsalz wirkt eher wie ein sehr aggressiver „Reset-Knopf fürs Gehirn“ als wie Doping.
Risiken & Kritik
Medizinisch ist die Wirkung nicht völlig harmlos.
Mögliche Probleme:
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Schleimhautreizungen
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Kopfschmerzen
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Schwindel
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Gewöhnungseffekt
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Verschleierung von Gehirnerschütterungssymptomen
Gerade letzter Punkt ist im Hockey heikel.
Deshalb rät die International Ice Hockey Federation von der Nutzung nach Kopfverletzungen ab.
Ist es erlaubt?
Aktuell gilt:
| Liga | Status |
|---|---|
| NHL | erlaubt |
| DEL | erlaubt |
| IIHF Turniere | erlaubt, aber medizinisch kritisch bewertet |
Es steht nicht auf der Dopingliste, weil keine leistungssteigernde Stoffwechselwirkung vorliegt.
Ritual statt Wundermittel
Viele Trainer sagen:
Der größte Effekt ist psychologisch.
Das Öffnen der Ampulle markiert mental:
Jetzt beginnt der Wettkampf.
Ähnlich wie Tape-Rituale oder der erste Schritt aufs Eis wird es Teil der individuellen Vorbereitung — ein Trigger für Fokus und Aggressivität.
Fazit
Riechsalz ist im Eishockey kein Geheimdoping, sondern eher:
eine Mischung aus Neurologie, Tradition und Psychologie.
Es macht Spieler nicht stärker
— aber für ein paar Sekunden wacher, schärfer und bereit für den nächsten Shift.
Und manchmal reicht genau das, um einen Zweikampf zu gewinnen.